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nov.232006

Abgehängt: Die Ausgrenzung hört nicht auf [DE] (23/11/06) (Verbessert und vermehrt 26/11/06)

444887-562728-thumbnail.jpgDass es hoffnungslose, isolierte, aussichtslose Menschen gibt, das braucht man uns nicht zu erzählen.

Aber, neuestens, war die Entdeckung des "Abgehängten Prekariats" gut für manche alarmierte Publikation. (Zu "abgehängt" siehe e-urbans UR.Babel, mit etymologischer und sozialpsychologischer Betrachtung ...)

Es fing an mit dem Rapport der Friedrich Ebert Stiftung vom Anfang Oktober 2006. Wenigstens 8% der deutschen Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Kommentar von Peter Nowak in Telepolis, 19/10/2006 (Die TelePolis posten sind durchlaufend zu konsultieren, hier auf e-urban, auf der Seite der deutschsprachigen Feeds):
 

"Nun mag der wissenschaftlich und politisch korrekte Begriff vom abgehängten Prekariat tatsächlich in Deutschland weitgehend unbekannt gewesen sein. Das Phänomen, das damit beschrieben werden soll, ist es jedoch nicht. Als Prolls, Plebs oder Unterschicht ist es schon längst in die Alltagssprache eingegangen. Aber auch aus Alltagsbeobachtungen kann man unschwer schließen, dass Armut mittlerweile ein fester Bestandteil in unserer Gesellschaft ist. Das Sammeln von Pfandflaschen ist zu einem Alltagsphänomen geworden. Immer mehr Menschen kommen nur mit Essensrationen von verschiedenen sozialen Stiftungen oder [extern] Tafeln über die Runden. Die Zahl der Menschen, die nicht krankenversichert ist, ist in den letzten Jahren gestiegen. Alters- und [extern] Kinderarmut sind feststehende Begriffe in der Berichterstattung geworden.

 Leider waren die meisten Kommentare die wir sahen, meistens befasst mit den Konzekwenzen für die SPD. Das ist natürlich ein brisantes Problem. Sozialdemokraten haben keine Lösungen mehr für die Ausgegrenzten. Ihr Wählerpotential sieht sich als Mittelschicht.

Diese Mittelschicht war bis vor Kürzem solidarisch mit den "Abgehängten", denn diese möchten gegebennfalls als "Lohndrücker"  das Kräfteverhältniss zwischen Arbeitgebern und -Nehmern negativ beeinflüssen. Es war die Interesse des emanzipierten Proletariats, an (zeitweilig) Ausgegrenzten nette Minimumeinkünfte bereitzustellen und dafür Abgaben zu leisten. Die Ausgaben wogen auf gegen den Vorteilen.

Aber jetzt gibt es diese Drohung nicht mehr. Es gibt einfach zu wenig unkomplizierte Arbeitsplätze mehr, die von den Ausgegrenzten eingenommen werden könnten. Darum gibt es mehr und mehr eine Tendenz, den Ausgegrenzten selbst die Schuld ihrer Zustand aufzubürden. Die Ausgegrenzten, die Höffnungslosen, sind gênant geworden für die Mittel- und Unterschicht der Arbeitenden. Jedenfalls, das ist was der SPD-Vorsitzender im Anfang als Kommentar verabschiedete. Hierüber zum Beispiel Franz Walter, politprofessor in Göttingen, im Spiegel 21.10.2006.

Aber das ist nicht die Hauptsache für uns, befasst mit einer Strategie zur Emanzipation dieser Gruppen.
Wichtig für uns ist, dass die Tendenz zur Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsschichten deren Arbeit nicht mehr benötigt ist, selbst Schuld ist an der Armut dieser Leuten. Es gibt kein ökonomisches oder soziales Motiv mehr, um irgendwie Basisversorgungen zu leisten, denn man braucht einfach diese Leute nicht mehr. Hierüber schrieben wir [FR] in: "L'Exclusion sociale s'accentue: Plus de soins pour tous" in e-urban (7.2.06).

Es ist also nicht wahr dass man SICH abgehängt hätte: Man IST abgehängt worden.

Es ist schwierig, aber nicht unmöglich, in bestimmten Bezirken diesen Tendenz zur Hoffnungslosigkeit aufzuhalten und umzubeugen zu eine Integration in einer ökonomisch haltbaren Teilnahme an der Gesellschaft im weiteren Sinne. Es gibt Beispiele davon. Damit befassen wir uns in der zweite Hälfte diese Artikels.

Denn die haupttendenz in Europa ist heute, sich dieser Leuten loszuwerden. Man macht die Häuser, die Mieten, unbezahlbar. Ebenso die Dienste (Post, Energie, Entsorgung) und die Gesundheitsleistungen. Wenn du dich dadurch verschuldet, ist das eure eigene Fehler (Spiegel, 2. November 2006, Verschuldung)

Rudolf Stumberger 12.10.2006, in TP, ERMAHNUNGEN AN DIE SOZIAL VERWUNDBAREN "Soziologische Anmerkungen zu Kurt Becks Unterschichtenproblem", hat Recht, wennn er sagt:

Dass das "Problem der Unterschichten" wächst, ist allerdings eine richtige Beobachtung des SPD-Vorsitzenden, seine Partei hat mit Hartz IV dazu beigetragen. Durch die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe leben mittlerweile in Deutschland 6,8 Millionen Menschen auf dem Niveau der Sozialhilfe, darunter 1,7 Millionen Kinder. Selbst in wirtschaftlich prosperierenden Städten wie München ist jeder achte Einwohner arm. Armutsforscher stellen schon die Frage, ob sich in Deutschland eine neue Unterklasse herausbildet, wie die "urban poor" in den amerikanischen Städten. Am nähesten kommen einer derartigen Klassenbildung die Verhältnisse in den neuen Bundesländern. Dort bilden sich nach einer Studie des Sozialwissenschaftlers Berthold Vogel[1] neue Soziallagen der "Überflüssigen" heraus, die sowohl das Kriterium der Armut wie auch das der sozialen Isolation auf sich vereinen, was so im Westen nicht der Fall ist. Denn anders als für westdeutsche Arbeitslose spielen bei den ostdeutschen Langzeitarbeitslosen soziale Netzwerke keine kompensatorische Rolle, der Verlust der Arbeit treibt diese Menschen in die soziale Isolation und die Einsamkeit. Zusammen mit Armut und Resignation bildet die soziale Isolation die Grundlage für das Bewusstsein, sozial am Rande zu stehen. Ein Bewusstsein, dem ein zweigeteiltes Gesellschaftsbild des "oben" und "unten" zugrunde liegt, das so bei westdeutschen Arbeitslosen nicht angetroffen wurde. Eine gemeinsame "Klassenidentität" entwickeln diese Menschen aber nicht.

 Wie es Anna Riemann und Anne Seith sagten im Spiegel vom 16. Oktober 2006:

So sind die Schlussfolgerungen, die Karl nach eineinhalbjähriger Forschungsarbeit zieht, eigentlich erwartbar - wie er auch selbst einräumt. Wirklich entsetzt habe ihn aber das Ausmaß der Resignation innerhalb des sogenannten Prekariats, erklärt der Wissenschaftler. "Diese Menschen fühlen sich als Verlierer, im gesellschaftlichen Abseits", sagt Karl. "Und das Schlimmste ist: Auf die Frage, ob es den Kindern wohl einmal besser ergehen werde, antworten die meisten mit Nein."

Ähnliche Debatte gibt es heute in ganz Europa: In Frankreich (La Rupture Sociale); im United Kingdom (Sustainable Communities) und anderswo. M.E. brauchen wir uns darin einzumischen. Denn wir möchten eine Politik haben die eine Priorität macht aus den Ausgrenzungsproblemen. Derer Lösung, wohlgemerkt, nicht derer Beklagung.

Dabei gibt es zwei entgegengesetzten Betrachtungsweisen. Die erste, die Neokonservative, fand ich am Genauesten umschrieben am 22. November 2006, im  (Spiegel):

Arbeitslos? Selbst Schuld!

Von Christian Rickens

Deutschlands Mittelschicht spricht heute über Arbeitslose, als wären sie Kriminelle. In der öffentlichen Debatte gelten sie nicht mehr als Opfer der Verelendung, sondern als Mitschuldige an der sozialen Krise - die neuen Bürgerlichen wollen sich einreden, dass ihnen selbst so was nie passieren würde.

Hier bei e-urban bevorzugen wir eine zweite Betrachtungsweise.

Dazu fassen wir erst einmal den Grund der neuen Verärmungs- und Ausgrenzungs- Symptomen zusammen.

Warum ist heute das Prekariat 'abgehängt'?
1. Weil die Massen von Industrie-Arbeitern die ab Ende des XIX. Jahrhunderts zu den Städten gezogen wurden, auf technologischen und ökonomischen Gründen heute nicht mehr gebraucht werden.
2. Weil die Kollektivdiensten (Bezahlbare Mietwohnungen, Unterricht, Krankenversicherung, Arbeitslosengeld) zur Zeit eingeführt worden sind, um die aufgezwungen Nachbarschaft der armen Massen hygienisch und sicherheitshalber, tragbar zu machen.
3. Weil dergleiche urbane Nachbarschaft jetzt nicht mehr nötig ist, gibt es eine ideologische Rechtfertigung der Abhängung (erst der Immigranten, später der andern) die sich stützt auf ein theoretisches Marktdenken: "Gib dem Konsüment Wahlfreiheit durch Privatisierung von allerhand Dienstleistungen." Diese Freiheit aber, gibt es nur für denen die etwas zu wählen HABEN. Die Freiheit der Reicheren, ist das Gefängniss der Armen.
4. Somit ist jetzt Armut, Krankheit, Arbeitslosigkeit mehr und mehr Schuld des Prekariats selbst. Neokonservative haben diese Gedanke erst entwickelt, aber man kann sie auch zurückfinden bei Steingarth (Spiegel-Redakteur) in seinem letzten Buch.

Die aktuelle deutsche Diskussion befasst sich meistens mit der Frage, ob die Menschen in prekären Verhältnissen ja oder nein die Sozialleistungen "missbrauchen".

Die sprachlich kompetente Welt (wo es kaum Prekäre gibt) die dort zu Wort kommt, sucht Lösungen (oder beschränkt sich zu Klagen) über der a-soziale, unsolidarischen, Haltung der Ausgegrenzten selbst.

Es ist die umgekehrte Welt:

Nicht die Abgehängten sind Opfer, sondern diejenigen die, dank der kollektiv  finanzierter Abhängung, in ungefähr bequemen Verhältnissen leben können!

Dies ist genau die Umkehrung des Klassenkampfs*), wie Neokonservative sie gerne sehen: Die Mittelschicht gegen die Unterklasse, statt wie bisher, das Proletariat*) gegen die Besitzer.

Nicht die immer reichere Überklasse ist Schuld (die skandalöse Selbstbereicherung einer dünnen Schicht von Kapitalbesitzer und Aufsichtsratsmitglieder wird seit den achtziger Jahren immer wieder statistisch festgestellt), sondern die Abgehängten drüben.

Nicht die Vermarktung, nicht die Hedgefunds, nicht das zu grosse Anteil der Luxusinvestitionen und der unproduktiven Investitionen in Immobilien, sind Schuld an  die ungelenkte Migration von Arbeitskraft, sondern die Leute die nicht mitmigrieren könnten!

- Aber der Sozialkapitalismus hat nicht definitiv ausgedient. Es gibt neue Wege um sich aus der Abhängung zu befreien. Ohne Revolution machen zu müssen. Es geht sehr wohl innerhalb der heutigen europäischen ökonomischen, technologischen und sozialen Verhältnissen.

Wie denn? - Dazu brauchen wir uns zu befassen mit den konkreten Lebensverhältnissen des Prekariats.

  • Erstens: Es ist urban. Es lebt in bestimmten "abgehängten" Stadtvierteln, im alten Zentrum oder in Grossbäuten (Plattenbäuten) am Stadtrand. Man ist einander physisch nah. Das ergibt Möglichkeiten zur Aufhebung der gegenseitingen Verfremdung, Abgrenzung und Verfeindung zwischen Individuen, Gruppen, Generationen, (Rest-)Kulturen und Ethnien.
  • Zweitens: Die Meisten dieser Menschen besitzen eine Reihe von unbenutzten Fähigkeiten und Kenntnissen.
  • Drittens: Durch einer wohlgelenkten kollektiven Aufbietung kann das ökonomische, soziale und kulturelle Potential mobilisiert und vermarktet werden durch innovativen Produktions- und Dienst-Leistungen.

- Spricht hier ein alter Idealist der in den Sechziger Jahren steckengebieben ist?

- Kaum: 

Es gibt eine Methodik zum stadtviertelbedingten Emanzipationsprozess,] die ich kenne aus meiner Berufspraxis, und die, unter Umständen, eine fast wunderbare Revitalisation der Bevölkerungsgruppen in der abgehängten Stadtvierteln leisten kann. Es ist ein Mund voller Bürokratenwörter, aber es gibt ja keine andere Umschreibung: *Partizipative, stadtteilbezogene, integrierte Regenerationsprojekte."

Hauptsache dabei ist das "Empowerment" von Gruppen und von Einzelnen, durch eine Kombination von ökonomischen, sozialen, Unterrichts- und (ja, auch:) kulturellen Massnahmen. Dabei könnte es geschehen, dass die Frau Hundebemahlerin**) nach wenigen Jahren sich umgewandelt hat in eine kompetenten, selbstbewussten Bürgerin...

 Bundesgenossen dabei sind die städtische Verwaltungen, die, besser als die Unternehmen im produktiven oder dienstleistenden Bereich, und besser auch als die Nationalverwaltungen, verstehen, welchen Risiken drohen für eine Implosion der ökonomie, der Sicherheit, des Unterrichts, der Kultur, usw. Viele europäische Städte gehen auf dieser Weise, mittels Projekt-Teams, in den Vierteln vor. Die Vorgehensweise dabei soll "holistisch", allen Lebensbereichen umfassend, sein, um sodann, nach Analyse der Problemen und der Möglichkeiten, und nach Abstimmung met Bürgeren und andern Partnern, ein mehrjähriges Prozess anzugreifen.

Über diese Vorgehensweise besteht noch viel Verwirrung und Unkenntniss. Obwohl die Städte in den letzten Jahren in diesem bereich vielseitigen Unterstützung aus Europa bekommen haben, sind sie meistens ungenügend ausgestattet (Geld, Kenntniss, Personal, wechselnde politischen Mehrheiten, nationale Prioritätenwechsel...) um dergleichen mehrjährigen Interventionen mit dauerhaftem Erfolg zu Ende zu bringen.

E-Urban ist geschaffen worden, um diese Betrachtungsweise der Problematik (aber auch der wirksamen Lösungsmöglichkeiten!) zu fördern vom Gesichtspunkt der europäischen städtischen Projektteams heraus.

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Anmerkungen:

*) "Klassenkampf", "Proletariat": Unwörter einer abgeschlossenen Epoche? - Wir sind es nicht gewesen, die sie neubelebt haben.
Amerikanische Neokonservative stacheln seit den siebzigern Jahren zu diesem "umgekehrten" Klassenkampf an, indem sie die Mittelschichten (mit Einbegriff des vormaligen 'Proletariats') warnen gegen die angeblich parasitären Bestrebungen der drogensüchtigen, allein stehenden Mütter und ihrer kriminellen Partnern. Klassenkampf, getarnt wie Disziplin- und Kulturkampf.

**) Die "Hundenbemahlerin" wurde vorgeführt in einer Bericht (22. November) im deutschen Fernsehen. Eine arbeitslose Frau, Vierzigerin, versucht vergebens den Weg zurück am Arbeitsplatz zu finden durch einem prekären Job. Sie bemahlt hölzernen Hundefiguren in Heimarbeit. 

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